Gedanken zur Wahlbeteiligung

Gastbeitrag


Kathi geht nicht wählen. Warum sollte sie auch?

Kathi hat nicht viel Ahnung von Politik, doch so viel weiß sie:

Noch nie hat für ein Wahlergebnis eine einzige Stimme gefehlt und für wahre Veränderung ist es doch sowieso bereits zu spät. Was Politiker sagen, das ist oft pathetisch und selten wahr und wen man hätte wählen sollen, das wurde einem immer erst im Nachhinein klar.

Kathi geht nicht wählen. Warum sollte sie auch?

Ihre Mutter bleibt am Sonntag auch lieber auf der Couch, ihr Bruder ist im Fitnessstudio, ihre Freundinnen treffen sich im veganen Café. Da geht es oft lustig aber selten politisch zu. Und Wahlausgänge besprechen im Büro, das ist in diesem Zusammenhang sowieso tabu.

Das Wahlergebnis, erfährt Kathi  trotzdem, plötzlich hat sie neunundvierzig neue Nachrichten auf Facebook und achtzig auf WhatsApp. Wohin zuerst klicken? Welchen Link gleich weiterverschicken? Kathi zweifelt, weiß nicht recht, im Wählen war Kathi immer schon schlecht.

Kathi überlegt und Kathi hat Recht. Ihre Stimme hätte nicht den Unterschied gebracht, den sie sich erhofft hat. Doch wenn Kathi weiterhin nicht wählen geht, werden auch ihre Freundinnen es nicht tun, ihr Bruder lieber im Fitnessstudio statt in der Wahlkabine verweilen und ihre Mutter sich weigern, von der Couch zu steigen. Geht Kathi nicht wählen, so ist sie nur eine von vielen, die sonntags mit ihrer Bequemlichkeit ringt. Und die jährliche Wahlbeteiligung sinkt und sinkt.

Was nun? Sollten wir dagegen etwas tun? Und wenn ja warum?

Lasst uns zurückreisen in der Zeit, da schien die Idee eines gemeinsamen Europas weit. Damals war nur einer an der Macht und die Leute dachten, so etwas wie Demokratie, funktioniere ohnehin nie. Erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg, Unmengen an Leid, Armut und Toten und schließlich wurde man sich einig.

So etwas soll es nie wieder geben. Unsere Freiheit lassen wir uns niemals wieder nehmen.

Wir, Bürger Europas, haben eine Stimme, die soll laut und bestimmt sein. Wir wollen nach Kooperation und Mitgestaltung streben. Wir wollen endlich selbstbestimmt leben!

Doch die letzten Jahre scheinen wir die Demokratie als selbstverständlich hinzunehmen. Viele von uns, Kathi, Kathis Bruder und vielleicht auch du, scheinen vergessen zu haben, wofür Jahrhunderte lang Abertausende starben: Als Mensch eine Stimme zu haben, ist eine Chance, ein Privileg. Eine Möglichkeit zu sagen, wo es lang geht.  

Es stimmt zwar: Eine einzige Stimme macht keine Träume wahr. Und ändern tut sie auch nicht, was uns so manch ein Politiker verspricht. Doch indem wir unsere Chance an Mitbestimmung ignorieren, werden wir sie eines Tages ganz bestimmt verlieren.

Und eines Tages kommt schneller als gedacht, ein Systemumsturz, das zeigt uns die Vergangenheit, ist schnell einmal vollbracht.

Kathi geht nicht wählen. Warum sollte sie auch?

Sie weiß es nicht zu schätzen, was es bedeutet für ein gemeinsames Europa ein Kreuzchen zu setzen.


 
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Elodie Arpa wurde 1999 in Brüssel geboren und zog dann nach Mödling (Niederösterreich), wo sie als Kind einer französischen Mutter und eines österreichischen Vaters zweisprachig aufwuchs. Durch Teilnahme an Lesungen und Diskussionsrunden entwickelte sie einerseits ein großes Interesse für Textverfassung und Rhetorik. Andererseits wurde ihre Leidenschaft für ein gemeinsames Europa und dessen Grundideen der Kooperation und Freiheit durch interkulturelle Austauschprogramme und über Grenzen und Länder hinausgehende Freundschaften gestärkt. Elodie Arpa ist Gewinnerin des bundesweiten Mehrsprachenwettbewerbs „SAG’S MULTI“. Anfang Mai 2018 war sie Rednerin bei der Gedenkveranstaltung des Parlaments gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an NS-Opfer in der Wiener Hofburg. Zudem verfasste sie nach abgeschlossener Matura einen Offenen Brief zum Thema Bildung, der in zahlreichen Zeitungen veröffentlicht wurde. Derzeit studiert Elodie Arpa Wirtschaftsrecht in Wien.