Europa braucht ein Narrativ

Gastbeitrag


Menschen denken in Geschichten – und die, die die besten Geschichten erzählen, denen wird geglaubt. Was vor vielen Jahrhunderten am Lagerfeuer begann und auf Kriegsfronten weitergeführt wurde, können wir nun in Parlamentssälen und TV-Diskussionen mitverfolgen. Es war die Zeit der Aufklärung, die Emotion und Vernunft gegenüberstellte und sich für Rationalität als zukünftiger Wegweiser der Menschheitsgeschichte aussprach. Fakten statt Gefühle, Sachpolitik statt Propaganda, Austausch statt Abgrenzung. Doch wo stehen wir heute?

Mit Vernunft alleine, mit faktenbasierter Sacharbeit kommt man nicht mehr allzu weit. Stattdessen regiert, wer Geschichten erzählen gut beherrscht. Es ist das Narrativ der Nationen, der Identitäten und des verdrehten Opfertums, das fasziniert. Das bei diesem der Wahrheitsgehalt eine untergeordnete Rolle spielt, zeigt – für alle die noch an Zahlen glauben – ein Blick auf die Statistik: Während die Anzahl an tatsächlich begangenen Straftaten seit Jahren und Jahrzehnten abnimmt, steigt die Angst vor Kriminalität in Österreich. Und auch der enorme Rückgang der Flüchtlingszahlen hat nicht dazu geführt, dass wieder andere Anliegen in den politischen Fokus rücken. Im Gegenteil: Man muss nur an den UN- Migrationspakt denken, um zu sehen, dass das Thema Einwanderung mindestens genauso präsent wie im Jahr 2015 ist.

Ein solches Narrativ der Angst kann, will – und soll! – Europa nicht bieten. Und so stellt sich die Frage: Wie kann es gelingen eine Gegenstimme zu Populismus zu bilden, ohne selbst populistisch zu werden? Wie mit alternativen Fakten umgehen? - einem Wort, das einem eckigen Kreis an Widersprüchlichkeit um nichts nachsteht. Wie verantwortungsvoll bleiben, wenn Verantwortung übernehmen zur politischen Ausnahme geworden ist?

Europa hat viel zu bieten und viel erreicht, was nationale Politiker – wären es ihre Erfolge - ihren Wählern wohl auch noch bis zur übernächsten Wahl vorschwärmen würden. Der Binnenmarkt und die Grundfreiheiten, Wohlstand und Frieden. All das mag uns selbstverständlich erscheinen. Aber das tut es nur, weil uns niemand daran erinnert, dass es das in den meisten Teilen der Welt nicht ist und auch in Europa bis vor wenigen Jahrzehnten nicht war. Schauen wir uns um, denken wir zurück, so müssen wir uns eingestehen:

Reisefreiheit verlängert die Urlaubszeit vom Warten an der Zollgrenze aufs Entspannen am kroatischen Strand. Studieren und arbeiten zu können, wo man möchte, ist eine Chance, die wir uns so nicht nehmen lassen wollen. Supranationale Institutionen zu haben, die Staaten im Zweifelsfall zurechtweisen können, bietet letztlich uns Bürgern Schutz. In einer globalisierten Welt mit global getroffenen Entscheidungen ein Wörtchen mitreden zu können, ist auch nicht schlecht. Und: Um in Frieden leben zu können, in einem Europa, das Jahrhunderte lang eine Konfliktzone ohnegleichen war, dafür hätten und haben viele unserer Vorfahren ihr Leben gegeben.

Doch diese Errungenschaften scheinen in Vergessenheit zu geraten. Während die Europäische Union im Stillen Sacharbeit betreibt, Verordnungen und Richtlinien erlässt, geht die Idee des gemeinsamen Europas im Trommelwirbel des Populismus unter. Wir Menschen denken in Geschichten – und Europa scheint die ihre noch nicht gefunden zu haben. Was fehlt? Ein klares Narrativ. Ein Narrativ des Zusammenhalts, der Freiheit, der Bürgerrechte, der Hoffnung und der Zukunft. Eine Gegenstimme zur Nostalgie des make [beliebiges Land einsetzen] great again.

Zweifellos befinden wir uns derzeit auf einem Scheideweg, wie wir ihn die letzten 70 Jahre nicht verspürt haben. Nie brauchte man in der jüngeren Geschichte dringender eine Gegenposition zu illiberaler Demokratie und Liebäugelei mit autoritären Regimen als heute.

Nie war ein Gegenpol zur Medien-Hetze und Gesellschaftsspaltung notwendiger. Denn während solche Tendenzen die letzten Jahre nur hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen wurden, tut man dies nun per Twitter-Post, in Pressekonferenzen, öffentlich. Man könnte sagen, das gehe deutlich unter die Gürtellinie. Doch da stellt sich die Frage: Gibt es eine solche überhaupt noch?

Wenn ja, dann wäre es an Europa, diese neu zu definieren. Dann wäre es höchste Zeit, dass die Europäischen Union ihre Sacharbeit ausweitet, sich Emotionen zuwendet und die Geschichte Europas neu erzählt. Eine Geschichte die nicht nur gut und spannend klingt, sondern – als Ausnahme unseres Zeitgeists – auf Fakten und nicht auf eckigen Kreisen basiert.


 
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Elodie Arpa wurde 1999 in Brüssel geboren und zog dann nach Mödling (Niederösterreich), wo sie als Kind einer französischen Mutter und eines österreichischen Vaters zweisprachig aufwuchs. Durch Teilnahme an Lesungen und Diskussionsrunden entwickelte sie einerseits ein großes Interesse für Textverfassung und Rhetorik. Andererseits wurde ihre Leidenschaft für ein gemeinsames Europa und dessen Grundideen der Kooperation und Freiheit durch interkulturelle Austauschprogramme und über Grenzen und Länder hinausgehende Freundschaften gestärkt. Elodie Arpa ist Gewinnerin des bundesweiten Mehrsprachenwettbewerbs „SAG’S MULTI“. Anfang Mai 2018 war sie Rednerin bei der Gedenkveranstaltung des Parlaments gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an NS-Opfer in der Wiener Hofburg. Zudem verfasste sie nach abgeschlossener Matura einen Offenen Brief zum Thema Bildung, der in zahlreichen Zeitungen veröffentlicht wurde. Derzeit studiert Elodie Arpa Wirtschaftsrecht in Wien.